Um 1900 leben die Balearen von einer weitgehend autarken Landwirtschaft: Mandeln, Oliven, Feigen und Fisch. Die Inseln erzeugen fast alles, was sie brauchen, aber kaum Überschüsse. Seit Generationen hat sich daran wenig geändert.
Viele Menschen können nicht lesen. Nur wenige haben die Insel je verlassen; wer geht, kehrt selten zurück. Die Auswanderer:innen leben in Kuba, Argentinien oder Algier und schicken Geld nach Hause – in Briefumschlägen, die manchmal ankommen und manchmal nicht.
Diese Linie zeigt die balearische Wirtschaftsleistung pro Kopf: den auf den Inseln erwirtschafteten Wert, geteilt durch die Zahl ihrer Bewohner:innen. Sie steigt etwas und fällt wieder zurück. Jahrzehntelang, eigentlich über Generationen, werden die Mallorquiner:innen weder dauerhaft reicher noch ärmer.
Dann beginnt mit Francos Militärputsch der Spanische Bürgerkrieg. Nach dem Krieg folgen Schwarzmarkt und Lebensmittelkarten. Wenn ältere Mallorquiner:innen von bitterer Not erzählen, übertreiben sie nicht. In den Vierziger- und Fünfzigerjahren sind die Inseln isolierter denn je und in mancher Hinsicht ärmer als eine Generation zuvor.
Von der Aussenwelt dringt wenig auf die Inseln. Die Presse berichtet über die angeblichen Erfolge Francos und seines Regimes. Tourist:innen gibt es so wenige, dass die blaue Linie mit den jährlichen Ankünften in Millionen praktisch bei null liegt.
Dann landen die ersten Chartermaschinen, voll besetzt mit Urlauber:innen – darunter viele Deutsche und, so erzählt man sich, Schwedinnen. Sie kommen wegen Sonne und Strand. Küstenabschnitte, die zuvor als wertlos galten, werden mit Hotels bebaut.
Die Hotels füllen sich und brauchen Personal: Kellner:innen, Maurer:innen, Taxifahrer:innen und Rezeptionist:innen. Auf Inseln, auf denen Getreide noch von Hand gedroschen wird, entsteht eine moderne Dienstleistungswirtschaft.
Die blaue Linie – die Zahl der Urlauber:innen pro Jahr – schiesst nach oben. Die schwarze Linie – das balearische Einkommen – steigt mit. Aus einer Million Gästen werden zwei, dann drei. Innerhalb von 30 Jahren vervierfacht sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf.
Aus fünf Millionen Gästen werden zehn, dann 15 Millionen. Die Wirtschaftsleistung pro Einwohner:in ist heute zehnmal so hoch wie zu Zeiten der Urgrosseltern. Auf dem Papier waren die Inselbewohner:innen nie wohlhabender.