Auf Mallorca weiss es jeder

dass Tourismus die Inseln reich gemacht habe. Die Daten erzählen eine kompliziertere Geschichte.

Scrollen, um zu beginnen

Mallorca verkauft ein Versprechen: türkisfarbene Buchten, Dörfer aus Naturstein und lange Mittagessen unter Pinien – mediterrane Ruhe als Urlaubserlebnis. Das Geschäft läuft hervorragend. Der Tourismus erwirtschaftet 45,5 Prozent der balearischen Wirtschaftsleistung. Heute gehören die Inseln zu den wohlhabendsten Regionen Spaniens; ihr Pro-Kopf-Einkommen liegt nahe am europäischen Durchschnitt.

Das war nicht immer so.

Ältere Mallorquiner:innen erinnern sich an arme, ländliche Inseln, auf denen alle ihren Platz in der Gesellschaft kannten. Dann kam der Tourismus. Die Hacke wich der Maurerkelle, das Feld der Stadt: ein neues Haus, ein Auto, ein Transistorradio. Innerhalb einer Generation wurden die Balearen zu einem Zentrum des Massentourismus und, für spanische Verhältnisse, zu einer wohlhabenden Region.

So lautet die allgemein akzeptierte Wirtschaftsgeschichte Mallorcas. Politiker:innen erzählen sie, Hotelier:innen berufen sich auf sie. Selbst Kritiker:innen des Massentourismus, die vor seinen Folgen warnen, stellen ihre Kernaussage selten infrage. Von der Bauwirtschaft bis zur Protestbewegung, von rechts bis links gilt: Der Tourismus habe die Inseln aus der Armut befreit. Auf den ersten Blick scheinen die Daten das zu bestätigen:

Um 1900 leben die Balearen von einer weitgehend autarken Landwirtschaft: Mandeln, Oliven, Feigen und Fisch. Die Inseln erzeugen fast alles, was sie brauchen, aber kaum Überschüsse. Seit Generationen hat sich daran wenig geändert.

Viele Menschen können nicht lesen. Nur wenige haben die Insel je verlassen; wer geht, kehrt selten zurück. Die Auswanderer:innen leben in Kuba, Argentinien oder Algier und schicken Geld nach Hause – in Briefumschlägen, die manchmal ankommen und manchmal nicht.

Diese Linie zeigt die balearische Wirtschaftsleistung pro Kopf: den auf den Inseln erwirtschafteten Wert, geteilt durch die Zahl ihrer Bewohner:innen. Sie steigt etwas und fällt wieder zurück. Jahrzehntelang, eigentlich über Generationen, werden die Mallorquiner:innen weder dauerhaft reicher noch ärmer.

Dann beginnt mit Francos Militärputsch der Spanische Bürgerkrieg. Nach dem Krieg folgen Schwarzmarkt und Lebensmittelkarten. Wenn ältere Mallorquiner:innen von bitterer Not erzählen, übertreiben sie nicht. In den Vierziger- und Fünfzigerjahren sind die Inseln isolierter denn je und in mancher Hinsicht ärmer als eine Generation zuvor.

Von der Aussenwelt dringt wenig auf die Inseln. Die Presse berichtet über die angeblichen Erfolge Francos und seines Regimes. Tourist:innen gibt es so wenige, dass die blaue Linie mit den jährlichen Ankünften in Millionen praktisch bei null liegt.

Dann landen die ersten Chartermaschinen, voll besetzt mit Urlauber:innen – darunter viele Deutsche und, so erzählt man sich, Schwedinnen. Sie kommen wegen Sonne und Strand. Küstenabschnitte, die zuvor als wertlos galten, werden mit Hotels bebaut.

Die Hotels füllen sich und brauchen Personal: Kellner:innen, Maurer:innen, Taxifahrer:innen und Rezeptionist:innen. Auf Inseln, auf denen Getreide noch von Hand gedroschen wird, entsteht eine moderne Dienstleistungswirtschaft.

Die blaue Linie – die Zahl der Urlauber:innen pro Jahr – schiesst nach oben. Die schwarze Linie – das balearische Einkommen – steigt mit. Aus einer Million Gästen werden zwei, dann drei. Innerhalb von 30 Jahren vervierfacht sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf.

Aus fünf Millionen Gästen werden zehn, dann 15 Millionen. Die Wirtschaftsleistung pro Einwohner:in ist heute zehnmal so hoch wie zu Zeiten der Urgrosseltern. Auf dem Papier waren die Inselbewohner:innen nie wohlhabender.

Das ist nicht nur die Geschichte der Inseln, sondern auch die meiner Familie. Mein Grossvater wurde Maurer statt Schuhmacher wie sein Vater. Wer Estany d’en Mas – später als Playa Romántica vermarktet – oder Can Picafort besucht hat, kennt Gebäude, an denen er mitarbeitete. Einer der Grossväter meines Vaters, ebenfalls Maurer, arbeitete jahrelang an den Coves del Drac. Meine Grossmutter hatte als Kind auf dem Feld gearbeitet; später zog sie in den Ort und fädelte Kunstperlen für Tourist:innen auf.

Sie brauchen keine Grafik, um zu wissen, dass sich jahrzehntelang kaum etwas änderte und der Aufschwung erst in den Sechzigerjahren begann. Auch meine Eltern brauchen sie nicht. Sie erinnern sich an Hunger, früh gestorbene Kinder und kalte Häuser.

Wie sich die Balearen ohne Tourismus entwickelt hätten, lässt sich nicht wissen. Aber wir können Regionen betrachten, die ohne ihn wohlhabender wurden – zum Beispiel Extremadura.

Extremadura ist bis heute Spaniens ärmste Region. Dennoch begann ihre Wirtschaft fast zur selben Zeit zu wachsen wie die balearische. Der Aufschwung kam später und fiel schwächer aus, doch das Muster ist ähnlich: Auf Jahrzehnte der Stagnation folgt anhaltendes Wachstum. Ohne Magaluf oder s’Arenal, ohne Badehotels und sogar ohne Küste verzehnfachte sich auch in Extremadura die Wirtschaftsleistung pro Kopf innerhalb von zwei Generationen.

Dasselbe Muster zeigt sich in Andalusien, Portugal, Frankreich, Irland und grossen Teilen Europas. Gemeinsam ist diesen Ländern und Regionen nicht der Tourismus. Ihre Wirtschaft wurde von den Umbrüchen nach 1950 geprägt: Spaniens Abkehr von der Isolation, freierer Handel und Kapitalverkehr, der Aufbau des Sozialstaats, Jahrzehnte des Friedens und schliesslich die europäische Integration. Für die Balearen war der Tourismus der Zugang zu diesem europaweiten Aufschwung – dessen eigentliche Ursache war er nicht.

Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Hätte eine andere Branche ähnlichen Wohlstand schaffen können? Der Anteil des Tourismus lässt sich nicht zuverlässig von all den anderen Einflüssen trennen. Möglich ist aber ein Vergleich des balearischen Pro-Kopf-Einkommens mit dem europäischen Durchschnitt. Er zeigt, wann die Inseln gegenüber ihren Nachbarn aufholten oder zurückfielen.

Dafür ändert sich die Darstellung. Statt das Einkommen in Dollar anzugeben, zeigt die Grafik jede Volkswirtschaft als Anteil am EU-Durchschnitt. Werte über 100 Prozent liegen über dem Durchschnitt, Werte darunter entsprechend niedriger.

Der EU-Durchschnitt liegt bei 100 Prozent. 50 Prozent entsprechen der Hälfte, 200 Prozent dem Doppelten. Irland erreichte 2022 zum Beispiel 158 Prozent, Bulgarien, das ärmste EU-Land, 54 Prozent.

Nun verläuft die balearische Linie nicht mehr jahrzehntelang flach, bevor sie plötzlich ansteigt. Sie bewegt sich auf und ab, mal über, mal unter dem europäischen Durchschnitt. Dieser Massstab ist . Aber er zeigt deutlich besser, ob die Inseln Europa tatsächlich übertreffen oder nur mit dem Kontinent wachsen.

Die Linie spiegelt allerdings auch Ereignisse ausserhalb der Inseln. Der Höhepunkt um 1920 bedeutet nicht, dass sich die balearische Wirtschaft plötzlich verbessert hätte. Vielmehr führte ein grosser Teil Europas Krieg, während Spanien neutral blieb. Der Vergleich mit Europa filtert kontinentweite Entwicklungen heraus, doch

Der Zweite Weltkrieg verzerrt den Vergleich ähnlich. Spaniens relative Position verbessert sich, als das übrige Europa in den Krieg zieht, und fällt danach ebenso abrupt zurück. Europa profitiert von Frieden, Marshallplan und engeren Handelsbeziehungen; Francos Spanien bleibt in Isolation und chronischem Mangel gefangen.

Damit fällt der erste Teil des mallorquinischen Wirtschaftsmythos: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Inseln nicht aussergewöhnlich arm. Der zweite Teil – allein der Tourismus habe sie reich gemacht – wirkt zunächst weiterhin plausibel, denn nach 1960 verbessert sich ihre relative Position deutlich. Aber war dafür wirklich der Tourismus verantwortlich?

Er dürfte dazu beigetragen haben. Deutsche Mark und britische Pfund hatten in einem Land, das noch mit Peseten zahlte, eine hohe Kaufkraft. Doch auch war entscheidend. Alle spanischen Regionen ausser Madrid zeigen einen ähnlich starken Anstieg.

Selbst wenn man den balearischen Aufschwung nach 1960 vor allem dem Tourismus zuschreibt, endet der Zusammenhang Anfang der Neunzigerjahre. Die Besucher:innenzahlen sanken nicht: Bis 2025 haben sie sich verdreifacht. Trotzdem verloren die Inseln gegenüber Europa an Boden. Wohin die Einnahmen flossen, lässt sich aus diesen Daten nicht ablesen. Sie zeigen aber klar: Immer mehr Gäste haben den Menschen auf den Inseln keinen grösseren relativen Wohlstand gebracht.